• Jugendaustausch mit Israel

In der vergangenen Woche fand in der ehemaligen Synagoge in Friedrichstadt eine exklusive Buchpräsentation des neuen Werks Mentsh – Sport verbindet statt. Die Veranstaltung, organisiert vom Kreissportverband Nordfriesland (KSV NF), der das Werk über die letzten zwei Jahre verfasste, stand ganz im Zeichen des Engagements gegen Antisemitismus und für den konstruktiven Austausch zwischen Deutschland und Israel.

Ein bewegender Auftakt durch persönliche Worte

Der Abend begann mit der Moderation durch KSV-Vorstandsmitglied Kim Koltermann, der in persönlichen Worten an die kulturellen Begegnungen, die Olympischen Spiele mit der Friedrichstädter Rudergesellschaft und die Freundschaft zwischen Israel und Deutschland erinnerte. Kim berichtete von den prägenden Erlebnissen seines Vaters als Ruderer in Israel und ermutigte alle Anwesenden, aktiv am Jugend- und Kulturaustausch teilzunehmen – ein Aufruf, der die Bedeutung der langjährigen Kooperation des KSV NF im deutsch-israelischen Jugendaustausch unterstrich.

Matthias Hansen, Vorsitzender des KSV NF und Initiator der beiden Werke, betonte in seiner Begrüßung die Bedeutung des deutsch-israelischen Jugendaustausches, der seit Jahren eine Brücke zwischen jungen Menschen aus beiden Ländern schlägt und dabei immer abwechselnd in Deutschland und Israel stattfindet. "Sport ist ein verbindendes Element", so Hansen, "er schafft Gemeinschaft, verständigt ohne viele Worte und baut Vorurteile ab." Besonders hervorgehoben wurden die intensiven Erlebnisse der Teilnehmenden der Jugendbegegnungen, von gemeinsamen sportlichen Aktivitäten bis hin zu tiefgehenden Gesprächen über Geschichte und Identität.

In seinen Grußworten wies Matthias Hansen eindringlich auf alarmierende Umfrageergebnisse hin, die die Bedeutung der Erinnerungskultur unterstreichen. So ergab eine aktuelle Studie, dass jeder zehnte Jugendliche noch nie vom Holocaust gehört habe (siehe z.B. Tagesschau.de), und 40 % der Befragten die exakten Opferzahlen nicht kennen (ebd.). Eine weitere Umfrage, die an 36 Schulen in Brandenburg durchgeführt wurde, belegt, dass 47 % der Schülerinnen und Schüler der Meinung sind, man solle künftig auf das Reden über das Judentum verzichten – viele halten die Berichte sogar für völlig übertrieben (siehe z.B. deutsches-schulportal.de). In diesem Zusammenhang beschrieb der Journalist Felix Klein (Antisemitismusbeauftragter des Bundes) die Situation als regelrechten „Tsunami des Antisemitismus“ (vgl. z.B. Zeit.de).  Diese Zahlen und Einschätzungen mahnen dazu, dem Antisemitismus mit konsequenter Bildung und engagierter Aufklärung entgegenzutreten – eine Aufgabe, der sich der Sport als integrativer Faktor unserer Gesellschaft besonders stellen muss.

Auch hier, für die Buchvorstellung, waren Sicherheitsmaßnahmen notwendig, was erschreckend ist.

Auf dem Titel des neuen Werkes ist ein Foto des letzten Besuches in Nordfriesland zu sehen; alle tragen das gleiche T-Shirt, man sieht die Landesfahne Israels und die Flagge Nordfrieslands. Das Bild sei zu Beginn entstanden und verdeutliche dem Betrachter, wie gleich die Menschen sind:

„Auf dem Bild lässt sich nicht erkennen, wer aus Petach Tikva in Israel und wer aus Nordfriesland kommt, wer Jüdin oder wer Christ ist“, so Hansen.

Leider konnten heute Abend keine Gäste aus Israel da sein, da die aktuelle Sicherheitslage dies nicht zulasse und israelische Eltern ihre Kinder in der aktuellen Lage nicht auf Reise schicken wollen.

Mentsch Cover Bild

Hochkarätige Gäste und eindringliche Grußworte

Rund 60 geladene Gäste – von Schülern der Hermann-Tast-Schule in Husum bis hin zu erfahrenen Vertretern der Sportwelt und Politik – nahmen an der Veranstaltung teil. Außerdem ehemalige Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Jugendbegegnungen, Jugendliche, Gasteltern und Teamerinnen und Teamer. Grußworte wurden ebenfalls eingebracht von:

  • Tobias Tietgen, Bürgermeister der Stadt Friedrichstadt, der in seinem Grußwort auf die lange Geschichte des jüdischen Lebens in Friedrichstadt seit 1675 hinwies und betonte, dass Veranstaltungen wie diese ein starkes Zeichen gegen Rassismus und Antisemitismus setzen. Die Stadt habe in den 80er Jahren die ehemalige Synagoge bewusst zurückgekauft und betreibe sie seitdem als Gedenk- und Kulturzentrum.
  • Jens Peter Jensen, stellvertretender Kreispräsident, der das enge Verhältnis zwischen Deutschland und Israel hervorhob und die Bedeutung von Bildung und Begegnung im Kampf gegen Vorurteile betonte.

Gäste in der Synagoge

Mentsh – Menschlichkeit im Mittelpunkt

Das Buch Mentsh (jiddisch: „ein mentsh“ bedeutet eine moralisch integre, empathische Person) knüpft an das 2022 veröffentlichte Werk Mifgash – Begegnung an. Das in der Pandemie verfasste Werk wurde anlässlich des 12. Jubiläums der Jugendmaßnahme auf deutsch und hebräisch verfasst. Während dieses erste Buch vor allem die emotionalen und verbindenden Momente des Jugendaustausches dokumentierte, widmet sich das neue Werk explizit der Auseinandersetzung mit Antisemitismus. Es enthält Berichte, wissenschaftliche Begleitungen vergangener Jugendbegegnungen zur Wirksamkeit gegen Antisemitismus und persönliche Reflexionen ehemaliger Teilnehmer sowie Vorworte von Akteuren wie Makkabi Deutschland und ConAct, dem Landesbeauftragten für politische Bildung oder der Gedenkstätte Husum-Schwesing, die während der Austausche in Nordfriesland regelmäßig gemeinsam besucht wird.

Besonders bewegend ist das Kapitel, in dem Holocaustüberlebende ihre Geschichte teilten. Avigdor Dagon – dessen Vermächtnis auch nach seinem Ableben Ende 2024 weiterlebt – und Gerda Steinfeld, befreit vom KZ durch die Rote Armee, berichteten von ihren Erlebnissen. Diese persönlichen Schicksale und die intensiven Erinnerungen unterstreichen, wie wichtig es ist, den Blick auf die Geschichte nicht zu verlieren und aktiv gegen antisemitische Tendenzen vorzugehen.

Emotional waren die gezeigten Grußbotschaften aus Israel: Israelische Jugendliche betonten die Wichtigkeit des Austausches und den Sinn von Vernetzung, um Vorurteile abzubauen und für Einheit und Gemeinschaft einzustehen. „Shalom und Moin“ so schließen sie als Zeichen der Verbindung beider Länder.

Netanel Mines, langjähriger Begleiter des Austausches, beschrieb Nächstenliebe und gemeinsame Verantwortung auch mit Blick auf die aktuelle politische Situation des Staates Israel.

Teamerinnen und Teamer aus Israel wünschten dem Buch einen großen Erfolg und viele Leserinnen und Leser. Junge Menschen aus beiden Seiten haben dank des Austausches die Möglichkeit, die gebauten Brücken zu überschreiten, Respekt, Toleranz und Miteinander aktiv zu leben und so gemeinsam für eine bessere Zukunft einzustehen. Solche Unterstützungen seien es, die in den dunklen Momenten halt gäben.

Möge das Buch und die damit verbundenen Maßnahmen dazu beitragen, „den wiederaufflammenden Antisemitismus in Deutschland und weltweit die Stirn zu bieten“, betont die Holocaust-Überlebende Gerda Steinfeld, die bei vergangenen Jugendmaßnahmen mehrmals persönlich in Israel angetroffen wurde, in einer für alle bewegenden Videobotschaft.

Catering Buchpräsentation

Engagement und Ausblick

Der Abend war geprägt von intensiven Gesprächen, einer gemeinsamen musikalischen Einstimmung (die Musik von Sebastian Kruse am Flügel der Synagoge sorgte für eine besondere Atmosphäre) und einer abschließenden Talkrunde. Doris Birkenbach (LSV-Vizepräsidentin), Dr. Gerhard Ulrich (Landesbeauftragter für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus), Matthias Hansen (KSV-Vorsitzender, Teamer und Inititator des langjährigen Jugendaustausches) und Lena Hobe (ehemalige jugendliche Teilnehmerin des Austausches) sprachen über die aktuelle Situation jüdischen Lebens in Deutschland sowie ganz konkret über die Erkenntnisse und Erfahrungen der Jugendaustausche und Antisemitismus-Prävention im Sport:

  • Gerhard Ulrich, Landesbeauftragter für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, betonte in der Talkrunde, dass Gedenken und Erinnerung in Zeiten antisemitischer Vorfälle unerlässlich seien; seit 65 Jahren sei das jüdische Leben nicht mehr so bedroht, wie aktuell. Er wies darauf hin, dass der Sport als gesellschaftlicher Faktor eine entscheidende Rolle beim Abbau von Vorurteilen spielen kann. Zwar ist landesweit in Schleswig-Holstein nur ein antisemitischer Fall aus dem Sport bekannt, das hieße jedoch nicht, dass es keinen Antisemitismus im Sport gäbe. Vieles, so Ulrich, fände auch „neben dem Platz“ statt. Er verwies ebenfalls auf die Relevanz, sämtliche antisemitischen Vorfälle zu melden (möglich beispielswiese über den Meldebutton Antisemitismus auch auf der Internetseite des KSV). „Antisemitismus zu melden, ist keine Denunziation. Antisemitismus ist keine Meinung, das ist höchstrichterlich festgestellt“ so Ulrich. Sport ist Begegnung und Begegnung baut Vorurteile ab. Er berichtet in der Talkrunde von einem syrischen Flüchtling, der in Deutschland das erste Mal Kontakt zu Sportlern aus Israel und damit zu jüdischen Menschen hatte. Er wurde mit seinen eigenen Vorurteilen konfrontiert und stellte dabei fest, dass seine kulturelle Vorprägung nicht der Wahrheit entsprach. Solche Begegnungsräume zu schaffen, wie auch die im Buch dargestellte Jugendbegegnung des KSV, ist elementar in der Prävention. Matthias Hansen unterstreicht diese Beobachtung: Wenn man einen Ball zu einer Gruppe Menschen wirft, entsteht sehr schnell ein Spiel – dabei ist egal, wer welche Sprache spricht, woher man kommt oder woran man glaubt. Der Sport ist niederschwellig und Anlass für Kommunikation und Gemeinschaft. Dass es nur einen Fall gibt, wie oben besprochen, heiße nicht, dass es keinen Antisemitismus im Sport gibt, aber der Sport bietet gleichzeitig auch die Möglichkeit, als Gruppe, als Verein oder als Mannschaft diesem zu begegnen – so Ulrich abschließend.
  • Doris Birkenbach (LSV-Vizepräsidentin) betont die Werte des Sportes. Der Sport ist auch verantwortlich für gesellschaftliche Strömungen und nimmt diese an. „Wir sind alle aufgerufen, die Werte es des Sports und der Demokratie zu vertreten; die Vereine haben als Räume des Schutzes zu dienen, Vereine sollten sich positionieren, Werte vertreten“, Vereine seien überpolitisch, aber sollten nicht unpolitisch sein und sich klar gegen Ausgrenzung positionieren, so Birkenbach.
  • Lena Hobe, ehemalige jugendliche Teilnehmerin des Austausches, beschreibt in der Talkrunde, wie sie in Israel auf herzliche und offene Menschen gestoßen sei. Natürlich gibt es auch kulturelle Unterschiede, angefangen bei großen Sicherheitsmaßnahmen im ganzen Land, bis hin zu Schutzräumen in den Häusern. Sie erinnert sich besonders an gemeinsames Tanzen und Sport-Treiben als Element der Verbindung. Auch nach dem 7. Oktober 2023 hatte sie noch Kontakt zu ihrer Gastfamilie in Israel, von denen sie noch heute beispielswiese als „meine Gastschwester“ spricht und somit die Verbindung über Sprachen und Grenzen hinweg eindrücklich symbolisiert.

Talkrunde Buchpräsentation

Besonderen Dank sprachen die Organisatoren des KSV NF, Ingrid Zabari-Morgenstern (als Dolmetscherin und Brückenbauerin) aus. Auch die Grußworte von Gästen wie Tobias Tietgen und Jens Peter Jensen unterstrichen das gemeinsame Engagement für eine offene, vielfältige Gesellschaft, in der Begegnung und Erinnerung untrennbar miteinander verbunden sind.

Die Buchpräsentation Mentsh – Sport verbindet war somit nicht nur eine Vorstellung eines neuen Werkes, sondern ein kraftvolles Zeichen für gelebte Vielfalt, gesellschaftliche Verantwortung und den unermüdlichen Einsatz gegen Antisemitismus – im Sport und darüber hinaus.

Der Kreissportverband Nordfriesland setzt damit weiterhin ein starkes Signal für die integrative Kraft des Sports und für den Erhalt unseres kollektiven Gedächtnisses.

Die Erstellung des Buches wurde gefördert aus dem Innovationsfonds des Landessportverbandes Schleswig-Holstein; die Veranstaltung aus Mitteln des Kinder- und Jugendplans des Bundes (über die deutsche Sportjugend [dsj] sowie ConAct [Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch].

Mentsh kann, ebenso wie der Vorgänger Mifgash, kostenlos über die KSV-Geschäftsstelle bezogen werden. Schreiben Sie dazu einfach eine Email mit Lieferadresse und gewünschter Stückzahl an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

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